Hanne reist ins Glück

Wir lesen vor

„Warum wirfst du denn das Buch weg, Oma?“
Oma setzt die Brille ab.
„Ach, Kindchen, das kann ich nicht mehr lesen.“

„Was heißt das:
Du kannst das nicht mehr lesen?
Du hast doch früher immer ganz viele Bücher gelesen.“
„Jetzt schaffe ich das nicht mehr.“

Klara denkt nach.
Warum schafft Oma Hanne das nicht mehr?
Sind die Buchstaben zu klein?
Ist das Buch zu dick?

Oma Hanne macht den Fernseher aus.
„Aber der Film ist doch noch gar nicht zu Ende, Oma.“
„Ach, Kindchen, der Film ist zu lang.
Ich habe den Anfang schon wieder vergessen.“

Klara denkt nach.
Warum ist der Film zu lang für Oma Hanne?
Früher hat Oma Hanne gerne Filme geschaut.

Vor ein paar Wochen war Hanne im Krankenhaus.
Seitdem fällt Hanne alles sehr schwer.
Hanne ist nicht mehr die Jüngste.


92 Jahre hat Hanne auf dem Buckel.
Und der tut meistens weh.
Und alles geht so langsam.
Alles ist jetzt so anstrengend.
Hanne kann nicht mehr gut sehen.
Und Hanne kann nicht mehr gut hören.
Und Hanne kann nicht mehr richtig laufen.

Nachmittags macht Hanne Übungen.
Auf dem Stuhl, im Sitzen.
Vielleicht hilft das.
Hoch die Arme,
Füße wippen,
Beine strecken.

Danach fällt Hanne erschöpft in den Sessel.
Und jetzt?

Früher hatte Hanne immer ein spannendes Buch.
Schade, das geht jetzt nicht mehr.
Die Sätze sind immer so lang und schwierig.
Und die Seiten sind so voll geschrieben.
Da steigt doch keiner mehr durch.

Es klingelt an der Tür.
Hanne steht auf.
Mit dem Rollator geht Hanne zur Tür.
Hanne macht auf.

„Ich bringe den Rollstuhl.“
Hanne atmet tief ein.
„Kommen Sie mit in die Küche.“
Der Mann fährt den Rollstuhl in die Küche.

„Setzen Sie sich mal rein.“
Hanne setzt sich in den Rollstuhl.
So einen Rollstuhl hatte Anton auch.

Der Mann erklärt den Rollstuhl.
Dann muss Hanne noch was unterschreiben.

Hanne kann das gar nicht lesen.
Kleine Schrift, lange Sätze.
Na ja, wird schon richtig sein.
Hanne unterschreibt.
Der Mann geht wieder.

Am nächsten Tag kommt Klara.
„Oma, dann fahren wir zusammen in den Park.
Mit dem Rollstuhl.“

Hanne schluckt.
Hanne will doch noch alleine laufen.
Mit dem Rollator.

„Du kommst doch immer nur bis zur Straßenecke.
Dann siehst du mal was anderes.“

Klara zieht einige Blätter Papier aus der Tasche.
Klara muss die noch durcharbeiten.
Für die Uni.
Klara liest den Text in zwei Minuten durch.
Klara liest immer sehr schnell.

Hanne sitzt neben Klara im Sessel.
Und schaut in die Luft.

Hanne denkt an Ilse.
Mit Ilse hatte Hanne immer viel Spaß.
Jetzt ist Ilse tot.
So wie Anton.
Und all die anderen.

Nach einer Weile gibt Klara Oma Hanne einen Kuss.
„Ich muss wieder los.“
Die Tür fällt zu.
Hanne ist wieder alleine.

Langsam geht die Sonne unter.
Ein letzter Strahl fällt auf das Bücherregal.
Hanne steht auf
und geht in die Küche.
Es ist Zeit fürs Abendessen.

Klara steht vor einer Buchhandlung.
Klara wühlt in den Bücherkisten.
Ob es da was für Oma Hanne gibt?

Nanu, was ist das denn?
Ein Stadtführer von Berlin in einfacher Sprache.

Klara nimmt das schmale Büchlein in die Hand.
Das Buch ist voller hübscher Fotos.
Zu jedem Foto gibt es eine kleine Geschichte.
In kurzen Sätzen.
Mit großen Buchstaben.

Das ist was für Oma Hanne.
Früher ist Oma Hanne oft nach Berlin gefahren.
Mit Opa Anton.
Zu den Verwandten.
In Berlin hat Oma Hanne viel erlebt.

Klara geht in die Buchhandlung
und kauft das Buch.

Ganz aufgeregt fährt Klara mit dem Rad zu Oma Hanne.
Die sitzt im Sessel und schläft.
„Oma, ich hab was für dich.“
Klara holt das Buch heraus.

„Ein Stadtführer von Berlin?“
Oma dreht das Buch in der Hand.
Na ja, vielleicht morgen.

Am nächsten Nachmittag sitzt Hanne wieder im Sessel.
Hanne sieht auf das Buch.
Na ja, probieren kann man das ja mal.

Hanne schlägt das Buch auf.
Wie angenehm, die großen Buchstaben.
Alles so schön übersichtlich.
Hanne beginnt zu lesen.

Die Gedanken wandern zurück
zu den Fahrten nach Berlin.
Satz für Satz reist Hanne ins Glück.

Ein paar Tage später kommt Klara.
„Das Buch war toll.
Ich habe mich an alles erinnert.
Da waren wir doch überall.
Und das war immer so schön.“

Oma Hanne lächelt Klara an.
„Diese Nacht habe ich von Berlin geträumt.
Gibt es so ein Buch auch vom Garda-See?
Oder vom Hamburger Hafen?
Kauf mir bitte noch mehr solche Bücher.
Gibt es auch Romane?“

Klara fährt wieder in die Buchhandlung.
Die Verkäuferin nickt.
„Ja, es gibt auch Romane in einfacher Sprache.
Die habe ich aber nicht da.
Die muss ich bestellen.
Suchen Sie sich was aus der Liste aus.“

„Und vom Garda-See?
Gibt es da auch was?“
„Nein, tut mir leid.“

Klara schaut auf den Bildschirm vom Computer.
Da stehen alle Titel von den Büchern.
Klara kennt einige.
Das hier war doch mal ein Film.
Und das hier ist eine ganz berühmte Geschichte.

Klara staunt.
Warum hat Klara nichts davon gewusst?
Liest das sonst niemand?

„Warum haben Sie diese tollen Bücher denn nicht da?“

„Wer nicht gerne liest,
geht nicht in die Buchhandlung.“

„Aber man kann mit diesen Büchern viel Spaß haben.
So wie meine Oma.“
Klara sucht drei Titel aus
und bestellt die Bücher.
Am nächsten Sonntag ist Klara wieder bei Hanne.
„Vom Garda-See gibt es nichts.
Aber ich habe was anderes mitgebracht.“

Hanne schaut neugierig.
Klara legt die Bücher auf den Tisch.
Jetzt freut sich Hanne wieder auf jeden Tag.
Wenn Hanne die neuen Bücher liest,
tut der Nacken gar nicht mehr weh.
Dann taucht Hanne ein in eine andere Welt.

Nach ein paar Wochen kommt Klara eine Idee.
Ganz in der Nähe ist doch ein Altersheim.

Bestimmt mögen die alten Leute dort auch solche Bücher.
„Ich kann mit den Büchern zum Vorlesen kommen.“
Die Leiterin vom Altersheim ist begeistert.

Von nun an liest Klara alle zwei Wochen im Altersheim vor.

Als Klara Oma Hanne davon erzählt,
fragt Hanne:
„Nimmst du mich nächstes Mal mit?
Im Rollstuhl?“

Nachts träumt Oma Hanne vom Altersheim:
Wie alle gespannt zugehört haben.
Und sich über die Geschichte unterhalten haben.
Vor allem Otto.
Otto ist 96 und hat einen weißen Schnurrbart.

Oma Hanne mag Bücher jetzt wieder.
Und mit Otto kann Hanne wieder herzlich lachen.

Diese Abstimmung ist beendet.

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5 Kommentare zu “Hanne reist ins Glück

  1. Das ist eine sehr schöne Geschichte, die unterhaltsam ist und zugleich zeigt, welche positive Wirkung verständlich geschriebene Texte haben können. Damit erreicht sie nicht nur die Leserschaft der Leichten Sprache, sondern beschreibt die Beseitigung einer Barriere, einen Türöffner und die unmittelbaren Folgen auf sozialer Ebene.
    Es wird eine Geschichte erzählt, die sich im realen Leben ähnlich abspielt haben könnte – zielgruppengerecht, wertvoll und gut.

  2. Mir gefällt die Schreibart und die Geschichte auch sehr sehr gut.
    Ich glaube es wäre gut,wenn mehr solcher Bücher und Geschichten in Buchhandlungen,Arztpraxen,bei Behörden,in Apothekrn ,bei Ämtern,in Banken ,bei Anwälten mindestens zur Ansicht und Bekanntwerdung liegen würden.
    Gerne auch zum Thema Scheidung und Versöhnung mit sich und der Traurigkeit und Trauer.

  3. Prima und mit Einfühlung erzählt! Gut, dass es sowas gibt! Gut für die Bildung auch des Herzens ! Jetzt wünsche ich mir ein ebensolches Buch: Zielgruppe: bildungsferner Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Danke für solche Initiative!

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