Hamburg, meine Perle

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Heute ist Gruppenabend.
Alle freuen sich.
Heute geht es um die Gruppenreise.
Nur Frank freut sich nicht.
Er will nicht mit auf die Gruppenreise.
Alle wollen an den Bodensee.
Er aber will nach Hamburg.
Hamburg, seine Perle.
Mehr noch als Hamburg liebt er Marisa, seine Freundin.
Sie ist blind.
Er klopft bei Marisa und holt sie ab.
In der Wohngruppe kann sie alleine gehen.
Da kennt sie sich aus.
Sonst nimmt Frank sie an den Arm.
Dosengriff, so hat er es gelernt.
Im Wohnzimmer sind schon alle da.
Sie sitzen auf dem Sofa und den Sesseln.
Markus, der Mitarbeiter fragt: „Wohin wollt ihr in den Urlaub?
Sollen wir wieder an den Bodensee?“
Alle sagen ja.
Frank sagt nicht ja. Er sagt:
„Marisa und ich gehen nicht mit. Wir wollen nach Hamburg.“
Marisa drückt seinen Arm.
„Au ja, Hamburg,“ flüstert sie.
„Und wie wollt ihr das organisieren?“, fragt Markus.
„Mir fällt was ein“, sagt Frank.
„Das schaffen wir“, sagt Marisa.
Frank telefoniert mit seiner Mutter.
„Eine Reise nach Hamburg? Nur Marisa und du?
Wie kommst du denn auf die Idee?“ fragt sie.
„Mit der Gruppe bist du immer verreist. Das ist sicher und bequem.“
„Hamburg ist eine tolle Stadt.
Ich will nicht immer mit den Leuten von der Gruppe unterwegs sein.
Ich sehe sie jeden Tag. Nicht auch noch im Urlaub.“
Franks Mutter seufzt. „Ich mache mir Sorgen.“
„Das musst du nicht“, versichert Frank.
„Marisa und ich sind erwachsen.
Und Katrin hilft uns. Sie hat das versprochen.
Sie hat gesagt, in Stuttgart hilft uns jemand beim Umsteigen.
Man kann im Internet alles bestellen.
Hotel, Eintrittskarten, einfach alles.“
Katrin ist Franks Bezugs-Mitarbeiterin.
„Ich habe doch bald Geburtstag.
Ich wünsche mir zum Geburtstag die Fahrkarten.“
Franks Mutter sagt nichts.
Frank wartet gespannt.
Endlich sagt sie: „Na gut!“
Die Vorbereitungen beginnen.
Zusammen mit Katrin buchen sie ein Hotel.
Im Internet kaufen sie Eintrittskarten.
Katrin schreibt ihnen genau auf, wie sie in Hamburg von einem Ort zum anderen kommen.

Jetzt geht es los.
Frank und Marisa haben vor Aufregung kaum geschlafen.
Katrin bringt sie an den Bahnhof von Tübingen.
„Alles klar bei euch?“
„Alles klar“, sagen Marisa und Frank.
Sie steigen in den Zug.
Die Strecke nach Stuttgart kennen sie schon.
Trotzdem sind sie aufgeregt.
Marisa kneift Frank in den Arm.
Sie kommen in Stuttgart an und steigen aus dem Zug.
Niemand ist da.
Frank schaut in alle Richtungen. Niemand.
Er bekommt ein komisches Gefühl im Bauch.
Als hätte ihn jemand in den Bauch geschlagen.
Das fängt ja gut an, denkt er.
Er sagt nichts.
Damit Marisa sich keine Sorgen macht.
„Ich bin auch nervös“, sagt Marisa.
Sie spürt immer genau, was er denkt.
Frank gibt ihr einen Kuss.
Hauptsache, sie sind zusammen.
Da sieht Frank eine Frau auf sie zu laufen.
Sie trägt eine blaue Weste.
„Hallo“, sagt die Frau.
„Ich bin Christa von der Bahnhofsmission.
Seid ihr Frank und Marisa?
Entschuldigt die Verspätung.
Hier ist eine große Baustelle.
Manchmal geht es drunter und drüber.
Ihr müsst auf Gleis fünf.
Ich bringe euch hin.“
Am Gleis steht ihr Zug bereit.
Christa zeigt ihnen, wo sie einsteigen müssen,
und bringt sie zu ihren Plätzen.
„Ich wünsche Euch eine gute Reise.“
„Danke“, sagen Frank und Marisa.
Der Zug fährt los.
Frank und Marisa halten sich an der Hand und drücken sie ganz fest.
„Was machen wir in Hamburg?“, fragt Marisa.
Frank lacht. „Das haben wir doch schon oft besprochen.
Heute gehen wir ins Hotel.
Morgen machen wir eine Hafenrundfahrt.
Und übermorgen gehen wir ins…“
„…Miniatur-Wunderland“, ergänzt Marisa.
Das Miniatur-Wunderland.
Darauf freut sich Frank am meisten.
Er war noch nie da.
Sein Bruder Sven hat ihm davon erzählt.
Frank will Marisa alles erklären.
„Ich werde deine Augen sein“, sagt er.
Nach fünf Stunden kommen sie in Hamburg an.
„Das ging ja schnell“, sagt Marisa.
„Das ist ja schneller vorbei als ein Tag in der Werkstatt.“
Sie steigen aus.
Nichts vergessen: Rucksack und Reisetasche.
Alles ist da.
Das Hotel ist ganz in der Nähe vom Bahnhof.
Sie gehen hinein.
Im Eingang ist eine Theke.
Da steht ein Mann.
Er schaut streng.
Und noch strenger, als er Frank und Marisa sieht.
Er schaut sie lange an.
Vor allem Marisas Blindenstock.
Frank holt tief Luft. „Guten Tag“, sagt er.
Der Mann antwortet nicht.
„Wir haben hier ein Zimmer.“
„Aha“, sagt der Mann. „Name?“
„Frank. Frank Hafner.“
Der Mann schaut lange in den Bildschirm seines Computers.
„Ja, da ist es. Zimmer 215. Zweiter Stock. Frühstück ab 8 Uhr.“
Er gibt ihnen einen Schlüssel.
Dann zeigt er ihnen die Richtung.
Sie gehen los.
„Puh“, sagt Frank. „Der war aber unhöflich.“
„Vielleicht mag er keine Menschen mit Blindenstock.“
Frank schaut Marisa an.
Er ist immer wieder verblüfft, was sie alles mitbekommt.
Dabei sieht sie doch gar nichts.

Am anderen Morgen werden beide ganz früh wach.
Sie sind schon so aufgeregt.
Beim Frühstück sehen sie wieder den unfreundlichen Mann vom Empfang.
Er schaut in ihre Richtung.
Frank dreht sich einfach um und schaut aus dem Fenster.
Mit der S-Bahn und dem Bus fahren sie zum Hafen.
Um 11 Uhr geht ihr Schiff.
Der Kapitän spricht mit Hamburger Dialekt und macht lustige Witze.
Frank kichert die ganze Zeit.
Er beschreibt Marisa, was er sieht:
Die großen Schiffe, die in der Werft sind.
Die Werft ist ein Ort, wo man Schiffe repariert.
Den riesigen, riesigen Dampfer, der Container geladen hat.
Man kommt sich ganz winzig vor, wenn man zu ihm hochschaut.
Die Elbphilharmonie.
Das ist ein großes, blau schimmerndes Haus.
Dort werden Konzerte gespielt.
„Lass uns raus gehen und frische Luft schnuppern.“
Sie stellen sich draußen an das Geländer.
Es ist ganz windig.
Marisas lange braune Haare flattern im Wind.
Frank ist glücklich.
In seinem Bauch blubbert die Freude wie Brause.
„Hamburg, meine Perle“, sagt er.
„Wenn Hamburg deine Perle ist, was bin ich?“, will Marisa wissen.
„Du bist mein größter Schatz“, sagt Frank und küsst sie.
„Ich freue mich so auf das Miniatur-Wunderland.“
Katrin hat die Eintrittskarten im Internet gekauft.
Frank holt beide Karten aus dem Rucksack.
Sie flattern im Wind wie ein Segel.
In dem Moment tutet ein großer Dampfer.
Vor Schreck lässt Frank die Karten los.
Sie flattern davon.
Sie schwimmen auf dem Wasser.
Dann sind sie verschwunden.
„Oh nein! Unsere Karten sind weg.“
Marisa drückt seinen Arm.
Sie ist auch ganz erschrocken.
„Und jetzt? Können wir nicht ins Miniatur-Wunderland?“
„Nein“, sagt Frank leise.
„Das können wir nun nicht mehr.“
Ganz traurig gehen sie ins Hotel zurück.
Der strenge Mann ist schon wieder da.
Er schaut sie an.
Sie trotten an ihm vorbei zum Aufzug.
Marisa sagt: „Ich bin traurig, dass wir die Eintrittskarten verloren haben.“
„Ich auch. Ich hatte mich so auf das Miniatur-Wunderland gefreut.“
Sie gehen auf ihr Zimmer.
Sie sagen gar nichts mehr.
Die ganze Freude ist weg.
In Franks Bauch blubbert es nicht mehr.
In Franks Bauch scheint ein großer, schwerer Stein zu liegen.

Es klopft.
Frank ist ganz verwundert.
Wer kann das sein?
Er steht auf und öffnet die Tür.
Vor ihm steht der strenge Mann.
„Hallo!“, sagt Frank.
„Ich habe gehört, was euch passiert ist.
Meine Kollegen und ich haben zusammen gelegt.
Wir haben euch zwei Karten fürs Miniatur-Wunderland besorgt.
Und ein Taxi bestellt.
Das bezahlen wir.
Dann seid ihr pünktlich da und habt ganz viel Zeit.“
Der Mann holt aus seiner Jackentasche zwei Karten und gibt sie Frank.
Frank weiß nicht, was er sagen soll.
Zum Glück gibt es Marisa.
Sie ruft: „Vielen Dank, lieber Herr.“
„Kein Problem“, sagt der Mann.
„Meine Nachbarin ist blind.
Die verreist nie.
Ich finde das toll, was ihr macht.“
Er lächelt. Jetzt sieht er gar nicht mehr streng aus.
Marisa ruft: „Erzählen sie von uns.
Eine Reise ist gar nicht schwer.
Man braucht halt etwas Unterstützung.“
Der Mann lacht.
„Das mache ich. Euch viel Spaß.
Morgen bin ich nicht da. Ich habe meinen freien Tag.
Pünktlich um halb neun Uhr kommt das Taxi.
Eintritt ist um neun Uhr.
Ihr könnt schon um halb acht zum Frühstück kommen.“
Die Tür klappt hinter ihm zu.
Frank sieht Marisa an.
Sie schaut ganz erstaunt.
„Das gibt es doch nicht,“ sagt sie.
Frank umarmt Marisa ganz fest.
In seinem Bauch blubbert es wieder wie Brause.

Das Taxi war pünktlich und nun stehen sie vor dem Miniatur-Wunderland.
Es ist kalt und kleine Wolken sind vor ihren Mündern.
Frank kichert. „Du siehst aus wie ein Drache“, sagt er.
Marisa kichert. „Wie eine Drachendame, bitteschön.“
Sie gehen hinein und zeigen ihre Eintrittskarten.
Sie gehen die Treppe nach oben.
Jetzt sind sie endlich da. Im Miniatur-Wunderland.
Frank bleibt stehen. „Es ist riesig“, sagt er.
Marisa lacht. „Ich dachte, alles ist ganz klein.“
Frank führt sie nach rechts.
Er beginnt zu beschreiben:
„Hier ist Amerika. Vor uns sind Berge.
Es gibt Indianer und Cowboys.
Ich sehe ein Lagerfeuer. Und viele wilde Tiere.
Es gibt Schienen, sehr viele.
Jetzt fährt ein Zug vorbei. Ach!!!“
Er sagt nichts mehr.
„Was ist los?“, fragt Marisa.
„Ich glaube es nicht. Jetzt wird es dunkel.
Jetzt ist es Nacht. Ich sehe alles leuchten.
Die Lichter in den Häusern, die Straßenlaternen, die Feuerstellen.
Jetzt wird es wieder hell.
Ach, Marisa. Es ist wunderschön.“
Alles schaut Frank sich ganz genau an und beschreibt es Marisa:
„Da sind ganz viele Wolkenkratzer. Nachts leuchten sie hell und bunt.“
„Hier ist ein Mann, der einen störrischen Esel durch die Gegend zieht.“
„An dem Strand sind ganz viele Menschen.“
„Da spielt eine Blaskapelle.“
„Uih, ein Zirkus. Stell dir vor, ein Elefant ist abgehauen. Er klettert über ein Auto.“
„Was ist denn das? Da sind Außerirdische gelandet.“
„Da startet eine Rakete. Ab ins All mit dir.“
„Oh nein, es brennt. Zum Glück ist die Feuerwehr da und löscht den Brand.“
„Da ist ein Bauernhof mit vielen Tieren. Hihi, ein Mädchen reitet auf einer Kuh.“
„Ein Einhorn kann ich auch sehen. Und Elfen!“
„Da hinten eine Sauna! Huch! Die sind ja alle nackt!“
„Mensch, ein Flughafen. Marisa, du glaubst es nicht.
Da startet ein Flugzeug. Und da hinten landet eines!“
„Ich sehe einen Storch in einem Nest.“
„Da hängt ein Auto über dem Abgrund! Oh je, die armen Menschen in dem Auto.
Da fliegt ja Superman! Er wird die Menschen in dem Auto retten.“
Marisa beugt sich nach vorne und küsst Frank.
„Danke, dass du mir alles erklärst. Hamburg ist deine Perle.
Ich bin dein großer Schatz. Und du bist mein Superman!“

Diese Abstimmung ist beendet.

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