Ein Engel

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„Mama, gibt es Engel?“
Nina schaute fragend.
Ihre Stirn hatte das Kind zusammen gezogen.
Um eine Hand wickelte sie ihre langen braunen Haare.
Die Frage stellte sie jeden Abend.
Schon seit drei Wochen.
Anna seufzte.
Wie jeden Abend.
Sie beugte sich über ihre Tochter und küsste sie auf die Stirn.
„Das weiß ich nicht, Liebling.“
Sie fand die Frage schwierig.
Auf keinen Fall wollte sie ihre Tochter enttäuschen.
Aber sie wusste auch nicht, ob sie sie im Glauben an Engel bestärken sollte.
Ist es besser, an Engel zu glauben?
Oder ist es besser, nicht an Engel zu glauben?
Während sie nachdachte, sprach ihr Kind weiter:
„Frau Weiß sagt, ihre Zwillinge haben einen Schutzengel.“

Mit Aron und Jona, den Söhnen von Frau Weiß, spielte Nina jeden Tag.
Seit einem halben Jahr schon.
Damals war Ninas Vater verschwunden.
Seitdem musste Anna alleine das Geld für sich und Nina verdienen.
Deswegen brachte sie ihre Tochter jeden Morgen zu Frau Weiß.
Sie strich ihrer Tochter zärtlich über die Haare.
„Wenn die Zwillinge Schutzengel haben, hast du bestimmt auch einen.“
„Aber dann muss er mir doch helfen, stimmt’s?“
„Ja, Liebes, er hilft dir bestimmt.“
„Aber ich sage ihm jeden Tag, dass ich meine Mama wieder zu Hause haben will.“
Nina schaute ihre Mutter empört an.
Dabei schlug sie auf ihr Kissen.

Anna hätte auch lieber mehr Zeit mit ihrer Tochter verbracht.
Aber das konnte sie sich im Moment nicht leisten.
Sie seufzte wieder.
„Auch ein Schutzengel kann nicht alles so machen, wie wir wollen. Das tut mir leid.“
Sie dachte an ihre Arbeit bei einer Raststätte an der Autobahn.
Dort putzte sie die Toiletten.
Dafür wurde sie bezahlt.
Sie verdiente damit nicht viel.
Aber genug für sich und ihre Tochter.
„Vielleicht finde ich bald eine Arbeit, die besser bezahlt wird.“
Damit wollte sie ihre Tochter aufmuntern.
Aber ein Kind denkt anders.
Nina schossen die Tränen in die Augen.
„Wann ist bald?“
Anna seufzte wieder.
„Das weiß ich nicht.“
„Dein bald kommt nie!“
Nina drehte sich von ihrer Mutter weg.
Sie war wütend.
Und traurig.
„Ich kann das nicht ändern, Liebes.“
Anna versuchte ihre Tochter zu besänftigen.
Im Grunde wusste sie, dass nicht viel Aussicht bestand.
Sie hatte nun einmal keinen Schulabschluss.
Sie würde nie mehr als den Mindestlohn verdienen.
Deswegen war sie froh, überhaupt so schnell einen Job bekommen zu haben.
Sie dachte an ihren Arbeitstag heute.

Ein junger Mann war ganz früh am Morgen gekommen.
Er hatte nicht gegrüßt.
Anna fand ihn ungepflegt.
Seine Haare waren ziemlich fettig.
Auf seinen schwarzen Klamotten waren Flecken.
Er war ins Herrenklo gegangen.
Dann passierte lange nichts.
Bis Anna unruhig wurde.
Bestimmt war er eine halbe Stunde schon auf Klo!
Das ist sehr ungewöhnlich.
Und sehr lange.
Anna ging ihm nach.
Eine der Kabinen war verschlossen.
Sie klopfte.
Niemand antwortete.
Sie klopfte lauter.
Immer noch keine Antwort.
Da brach sie die Tür auf: Auf der Toilette hing der junge Mann.
Neben ihm lag eine Spritze.
„Scheiße“, schimpfte Anna.
Sie rief die Polizei an.
Dann einen Krankenwagen.
Hilflos schaute Anna auf den Mann.
Ihr fiel nichts ein, was sie tun könnte.
Tränen liefen ihr übers Gesicht.
Dann wurde sie zornig.
Was fiel dem Jungen ein?
Einfach sein Leben wegschmeißen!
Sie gab ihm eine Ohrfeige.
Keine Reaktion.
Da schüttelte sie ihn und schrie.
Endlich kamen Rettungsleute.
Sie schafften es, den Mann wieder zu beleben.
Er wirkte noch sehr schwach.
Die Sanitäter nahmen ihn mit und brachten ihn in ein Krankenhaus.
„Ohne Sie wäre er jetzt tot“, sagten sie zum Abschied.
Ein Glück, dass er überlebt hatte.
Anna seufzte.
Sie machte die Toilette sauber.
Dann kochte sie sich einen Kaffee.
Wieder kam jemand.
Eine Dame mit viel Schminke im Gesicht.
Ihre Kleidung sah teuer aus.
Anna setzte sich auf ihren Platz im Flur vor den Toiletten.
Die Dame ließ sich lange Zeit.
Als Anna ihren Kaffee ausgetrunken hatte, war sie immer noch nicht fertig.
Anna kam das komisch vor.
Sie ging auf die Damentoilette.
Dort stand die Dame auf das Waschbecken gestützt und heulte.
Die Tränen hatten ihre Schminke verschmiert.
„Was ist denn los“, fragte Anna.
Nun weinte die Dame noch mehr.
Dann wurde sie etwas ruhiger.
„Ich habe meinen Job verloren“, erklärte sie.
„Nun kann ich nicht mehr mit meinen Freundinnen in Urlaub fahren.
Mein Mann wird wütend, wenn er das hört.
Vermutlich verlässt er mich.“
„So schlimm?“ Anna war ratlos.
Sie reichte der Dame ein Taschentuch.
„Nun kommen Sie,
ich koche Ihnen einen Kaffee und dann sehen wir weiter.“
Widerspruchslos folgte die Dame ihr in die kleine Küche.
Beim Kaffee redeten sie lange.
Bestimmt zwei Stunden.
Die Dame fühlte sich getröstet und fuhr davon.

Anna putzte wieder die Toiletten.
Es waren bestimmt fünf oder sechs Menschen gekommen und gegangen.
Manche hatten ein paar Cent dagelassen.
Andere drückten sich vor dem Bezahlen.
„20 Cent bitte.“
Das stand auf einem Schild auf dem Tisch im Flur.
Es war nur ein Zubrot.
Aber viel bekam sie auch nicht pro Stunde.
Manchmal ärgerte sich Anna.
Wenn Leute offenbar viel Geld hatten und nichts gaben.
Das machte sie wütend.
Sie wäre viel lieber bei ihrer Tochter.

Aber die musste sie von den Nachbarn betreuen lassen.
Sonst könnte sie nicht das Geld für die Zweizimmerwohnung verdienen.
Anna machte das Licht aus.
Sie strich ihrer Tochter noch einmal übers Haar.
„Ich möchte wirklich mehr Zeit für dich haben.“

Am nächsten Morgen kam ein freundlich aussehender Mann zu der Raststätte,
auf der Anna arbeitete.
Er lächelte ihr zu.
„Guten Morgen“, sagte Anna.
Aber da war er schon auf der Toilette verschwunden.
Als er wieder herauskam, war Anna nicht zu sehen.
Sie musste mal wieder eine Frau auf der Damentoilette trösten.
Nervös blickte er sich um.
Dann ging er hin und her.
Er kam schon seit drei Wochen hierher.
Jeden Tag.
Dafür fuhr er immer Umwege.
Aber alles das wusste Anna nicht.
Er war sehr schüchtern.
Deswegen hatte er die hübsche Dame nie angesprochen.
Er mochte ihre großen Augen.
Er mochte auch ihre aufrechte Haltung.
Und ihre lustigen Locken.
Aber das traute er sich nicht, ihr zu sagen.
Er hoffte auf eine günstige Gelegenheit.
Die kommt nie, wenn man sich nicht traut.
Deswegen hatte er sich fest vorgenommen, sie heute anzusprechen.
Jetzt war sie nicht da.
Er rannte wieder auf und ab.
Dabei übersah er Anna.
Sie kam aus der Damentoilette.
Auf dem Flur stießen sie fast zusammen.
„Entschuldigen Sie“, stammelte er.
„Schon gut. Es ist nichts passiert.“
Anna wollte ihn beruhigen.
Er sah so nervös aus.
„Doch. Doch es ist etwas passiert.“
Der Mann errötete.
Nun schaute Anna ihn forschend an.
„Hoffentlich ist ihr Kopf heil geblieben?“
Er lächelte.
„Der ist völlig hinüber.
Den habe ich nämlich verloren.
Schon vor drei Wochen!“
Plötzlich fand er es ganz leicht.
Er redete weiter drauf los.
Vermutlich machte er sich lächerlich.
„Hoffentlich finden Sie mich nicht verrückt.
Trinken Sie einen Kaffee mit mir?“
Nun kehrte seine Schüchternheit zurück.
Er schaute zu Boden.
„Ich habe zufällig Kaffee da.“
Anna traute ihren Ohren nicht.
„Sie kommen seit drei Wochen hierher?“
„Genau. Vor drei Wochen habe ich Sie zum ersten Mal gesehen.
Ich möchte Sie nicht belästigen.
Sie dürfen auch nein sagen.
Eigentlich will ich Sie mal einladen.
Richtig. Nicht nur hier.“
„Oh.“ Anna war sprachlos.
Sie verabredeten sich für kommenden Sonntag.
Dann fuhr der Mann davon.

Am Abend holte Anna ihre Tochter bei Frau Weiß ab.
„Gibt es Engel?“ Die Kleine fragte wieder.
Sie erzählte gleich weiter.
„Frau Weiß sagt, sie hat auch einen Schutzengel.
Der Schutzengel hilft ihr mit den Zwillingen.
Das sagt sie.“
Anna lachte.
Sie verstand, was die Nachbarin meinte:
Die Zwillinge waren zwei Jahre jünger als Nina.
Die drei Kinder spielten gut zusammen.
Nur ganz selten stritten sie sich.
Wäre Nina nicht da,
müsste Frau Weiß viel mehr auf die Dreijährigen aufpassen.
Das wäre sehr anstrengend.
Anna strich ihrer Tochter sanft über die Haare.
„Ja, da hat Frau Weiß recht.
Sie hat einen wunderbaren Schutzengel.“
Nina lächelte.
„Hab ich auch einen Schutzengel, Mama?“
Du bist einer, dachte Anna.
Aber sie sagte: „Ja, davon bin ich überzeugt.“
„Wird er dich von der Arbeit holen?“
Nina schaute erwartungsvoll.
Anna dachte an den Mann und ihre Verabredung.

Er war genau an dem Tag aufgetaucht,
an dem Nina zum ersten Mal mit ihrem Schutzengel gesprochen hatte!
„Vielleicht.“
Nina schlief zufrieden ein.

Am Sonntag war Anna sehr aufgeregt.
Der Mann holte sie tatsächlich ab.
Er hieß Bruno.
Sie gingen zusammen ins Kino.
Dann gingen sie einen Kaffee trinken.
Anna erzählte von Nina.
Bruno hatte auch ein Kind.
Sein Sohn lebte bei seiner Frau.
Sie waren geschieden.
„Ich hätte Nico gerne bei mir.“
Das erzählte Bruno.
„Aber ich kann mich nicht um ihn kümmern.“
Das verstand Anna.
„Ich würde mich gerne wieder richtig um Nina kümmern.“
Sie seufzte.
„Aber ich muss doch Geld verdienen.“
„Vielleicht gibt es eine andere Lösung.“
Bruno schaute verlegen auf seinen Kaffee.
„Du könntest dich um beide Kinder kümmern.“
Jetzt errötete Anna.
„Heißt das … ich meine …“ Sie stotterte.
Bruno nahm ihre Hand.
„Ich hab mich verliebt.
Vielleicht magst du zu mir ziehen?“
Und ob sie mochte!
Aber so schnell?
„Vielleicht treffen wir uns erstmal mit den Kindern?“
Bruno nickte.
Das klang vernünftig.
Sie verabredeten sich für den nächsten Sonntag.
Dann wollten sie ihre Kinder mitnehmen.

Am Abend brachte Anna ihre Tochter ins Bett.
„Gibt es Engel?“
Das fragte Nina wieder.
Dieses Mal war Anna ganz sicher.
„Ja, Schatz, die gibt es. Manche leben mitten unter uns.“
Sie erzählte von Bruno und Nico.
Nina freute sich.
Am Sonntag würde sie mit ihrer Mutter ins Kino gehen!
Sie bedankte sich bei ihrem Schutzengel.
Aber nur in Gedanken.
Dann schlief sie glücklich ein.

Diese Abstimmung ist beendet.

Ein Kommentar zu “Ein Engel

  1. Die Frage der Tochter, ob es Engel gibt, setzt hier einen roten Faden, der den Leser bis zum Schluss miträtseln lässt und verschiedene Male kommt man zu dem Ergebnis „ja“, denn Annas Erlebnisse legen das nah. Sehr schöne Idee, mit Gespür fürs Erzählen umgesetzt.

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